...immer dann, wenn mir der Jörg eine e-mail schreibt in der er fragt ob es mir gut geht und unzweideutige Bemerkungen zu meinem Blogg macht, weiss ich, dass es Zeit ist euch über mein Befinden zu unterrichten. Die Mail vom Jörg kam gestern, also Neues heute...
Heute gibts mal nen Ego-Blogg-Eintrag mit ganz vielen Photos von mir, aber da nix aufsehenerregendes passiert ist, erfahrt ihr sowieso nur Alltagkram.
Ganz allgemein geht es mir noch immer so gut, dass ich mich noch immer nicht wirklich um meinen Rückflug gekümmert habe - trotzdem bin ich ganz sicher im Oktober wieder da!
Mittlerweile habe ich Ferien und Wivian, meine Chefin, befindet sich auf Literaturrecherche- und Konferenzplanungstrip in Berlin, so dass ich hier etwas mehr Zeit habe mich um "mein" Projekt mit den deutschen Gruppendiskussionen zu kümmern. Ausserdem sind auch Schulferien, so dass die Diskussionen und Entrevistas in den Schulen wegfallen, die ich bis jetzt nebenbei auch noch miterledigt habe um meiner Freundin Danielle bei ihrem Mestrado zu helfen...

Danielle und ich mit einer GD-Gruppe aus einer Schule in der Peripherie von Brasília
Ferien haben bedeutet für mich auch, dass mein Portugiesischkurs zu Ende ist, was ich ein bischen schade finde. Mittlerweile klappt aber mit dem Portugiesisch so gut, dass ich den eigentlich auch kaum noch brauche...

mit Portugues para Estranjeiros beim Rudern auf dem Lago - leider fuhren wir auf eine Sandbank auf, die ein Loch in unser Boot riss, so dass man uns mit dem Motorboot retten musste - naja...Ferien haben bedeutet allerdings auch, dass man ein kleines bischen verreisen muss und deshalb war ich dieses Wochenende in Goiania, 300 km von Braília entfernt. Zitat aus meinem Reiseführer zu dieser Stadt: "solltet ihr aus irgendeinem Grund in Goiania landen, dann seht zu, wie ihr dort so schnell wie möglich wieder wegkommt". Tja - für mich war ein Besuch in Goiania der absolute Reiseanlass, vor allem allerdings, weil ich in Recife ein Mädchen aus Goiania kennengelernt hatte, die mich einlud sie und ihre Familie dort zu besuchen. Da diese Stadt ausserdem die Geburtsstadt meines guten Freundes Zé ist, machten wir uns am Freitag abend dorthin auf. Goiania ist zwar auch eine geplante Stadt, hat aber zumindet Kreuzungen (die es in Brasília nicht gibt) und es gibt Strassen mit Kurven - schon allein das war eine Reise wert.

Haus in Gioania - diesen Baustil hält man hier übrigens für Art deco...
Das beste an Goiania sind neben den kurvigen Strassen und Kreuzungen übrigens die Bosques (sowas wie wilde Parks), in denen man sich vorkommt wie im Urwald, denn es wuchert an allen Ecken und Enden, ausserdem springen Affen von Baum zu Baum und klauen einem das Essen. Leider war der schönste Bosque wegen Umbauarbeiten geschlossen (und jetzt verrate mir aber mal einer, was man an einem Park so umbauen kann...), was Zé und mich, die irgendwann einmal zu Beginn unserer Freundschaft beschlossen haben gefährlich zu leben (nein Mama, das ist ein Spass!) natürlich nicht davon abhielt ihn zu betreten. Tja, und gerade als ich dieses Photo mit dem Wasserfall und der Ente schoss, kam dann die Polizei. Hat uns aber nur höflich gebeten den Park zu verlassen und uns zu einem Loch im Zaun begleitet. Am Loch mussten wir dann hoch und heilig versprechen zu respektieren, dass der Bosque momentan geschlossen ist - mit grossem Indianerehrenwort!


Abends waren wir dann mit Gabi, unserer Gastgeberin, auf einer Pizzaparty und weil die von der Feierei nicht genug bekommen konnte noch bis morgens um 9 auf einer Wiese vor ihrem Haus.


...jetzt kann ichs euch ja sagen - mein Freizeit verbrachte ich hier auch zum großen Teil damit Salsa zu lernen, um auf einem "Tanzkongress" (gibts sowas auch in Deutschland?) eine Choreographie zu präsentieren. Man zwang mich in ein furchtbares Kleid und Hackenschuhe, trotzdem ging alles gut... Mittlerweile habe ich den Eindruck gewonnen, dass das wichtigste am Salsa ist, sich hinterher in bescheurte Posen werfen, komische Klamotten und Frisuren zu tragen, damit alle Anverwandten Photos machen können und man sich dann ein Leben lang für diese Photos schämt. Wahrscheinlich gilt das mit dem schämen aber nur für mich, denn die anderen Mädchen hatten sichtlich Spass daran. Wenn man mich allerdings in meinen Jeans und Turnschuhen tanzen lässt, dann habe ich ne Menge Spaß!

jeder in Brasilien hat eine Stammkneipe, wo man hingeht um eiskaltes Bier zu trinken und Fussballspiele zu gucken. Das hier ist meine - sie heisst "Por de Sol" und ich bin nicht sehr originell, denn dort trifft man so ziemlich jeden, der an der UnB studiert. Kneipen sind hier in 3 Kategorien unterteilt: es gibt Bars, die etwas schicker sind, mit Tischtuch und Kellnern mit Schürze. Dann gibt es Bouteques, wo einem ein alter Mann im schmutzigem T-Shirt die Getränke bringt. In "Copos Sujos" (=schmutziges Glas) wäscht man entweder seine Gläser selber ab, bringt sie von zu Hause mit oder erhält Plastikbecher. Der "Por de Sol" verdient grad noch so den Namen Bouteque... Auch auf dem Photo ist übrigens mein Fahrrad zu sehen.

Das hier ist nun endlich der Zé mein treuster Begleiter hier und ein uerschöpflicher Quell von Geschichten aus der Zeit der Militärdiktatur und Stories über seine weitläufige Familie. Rahmendaten: Seine Eltern lernten sich im Gefängniss kennen, seine Schwester wurde auf den Tag genau 9 Monate nach deren Freilassung geboren, sein Vater war früher Dichter, ist mittlerweile aber zu einem relativ bedeutsamen Mann in der Arbeiterpartei Lulas aufgestiegen, ausserdem gibt es ein Photo von ihm mit Fidel Castro. Zé selbst kann wegen seiner Grundschulzeit in der Waldorfschule stricken und Flöte spielen. Die unglaubwürdigste Geschichte ist aber diejenige über seine Tante, die vom Blitz getroffen wurde.
Zé redete in Goiania die ganze Zeit darüber, dass wir in der "cidade natal" wären, was ich nicht ganz verstand, da Natal meiner Meinung nach Weihnachten heisst und sehr weihnachtlich wirkt Goiania nun wirklich nicht. Irgendwann einmal ging mir allerdings ein Licht auf: Natal heisst Geburt und Weihnachten (was ja, wenn man an das Jesuskind denkt das selbe ist) und wir befanden uns demzufolge in Zés Geburtsstadt. Endlich kapierte ich, warum er da so unbedingt hinfahren wollte...
Auch Mario ist aus meinem Leben hier nicht mehr wegzudenken. Er ist Architekt und macht hier irgendeinen Aufbaukurs um dann in Italien genauso schöne Häuser zu bauen wie in Brasília. einer seiner grössten Vorteile ist, dass er einen Onkel bei der Mafia hat und selbst auch sehr gefährlich aussieht. Mit ihm kann ich also überall hingehen, ohne dass mir was passiert. Ausserdem kann er verdammt gut kochen...
auch Dirce kann verdammt gut kochen und manchmal macht sie das auch. Wenn sie nicht kochen möchte, dann überredet sie mich zum Cachaca trinken... Bin aber nur selten bereit, weil ich dieses Zeug pur eigentlich furchtbar finde. Deshalb macht sie Photos, wenn ich denn mal mitmache...
was Dirce ausserdem mit Freude tut, ist zu kommunistischen und feministischen Veranstaltungen zu gehen. Diese Bilder sind von einem Kongress des "Movimento sem terra", der Leute, die kein Land besitzen und sich deshalb nicht ernähren können. War schon eigenartig in diesem Fussballstadion mit 20.000 Menschen, die rote Fahnen schwenkten, die linke Faust reckten und mit Feuereifer "Viva o Socialismo" oder "globalisamos a luta - globalisamos a esperanca" ("Lasst uns den Kampf globalisieren - lasst uns die Hoffnung globalisieren") riefen. Ich war Teil der "großen Umarmung der Völker", bei der sich alle an den Händen fassten und die Internationale mit voller Inbrunst sangen. Krasse Sache...


zum Abschluss noch ein kleiner Exkurs zum modernen Baustil...


und ganz zum Abschluss noch die Ankündigung, dass ich ab der nächsten Woche nicht mehr allen Brasilianern erklären muss, dass ich zwar einen Freund habe, der aber in Deutschland ist und ich trotzdem nichts mit ihnen anfangen möchte - DENN: der Cotti kommt mich besuchen! Wir werden den August über ein bischen mehr vom Land angucken und ausserdem werde ich ganz viel lachen, weil der Cotti kein Portugiesisch spricht! Freu mich auf dich und verschlaf nicht deinen Flug! Und übrigens...
Ansonsten liebe Grüße an
die Großeltern in der Gartenlaube, die Anita in Polen, den Niklas in der neuen Wohnung, die Lisa im 7. Himmel, die Irene mit Entspannung, die Sophie am Schreibtisch, den Martin kurz vor der Prüfung, Richard und Lisa mit dem Baby, Christof in Buenos Aires, die Wernickes in Thurow, alle Ferienlagerfahrer, die Aline in Norge, den Marshall im Plattenbau, die Sabine zwischen den Stühlen, den Henne mit Ehering, den Felix in Berlin, meine WG, die sich in alle Winde zerstreut und an alle anderen auch!