recife...

ja, liebe Leute, es ist wahr, ich habe einmal wieder verdammt lange nichts von mir hoeren lassen, aber mittlerweile hat mich auch hier die Arbeit, der Alltag, das Leben gepackt... In der letzten Woche war ich - man hoere und staune - in Recife, einer Stadt mehr oder weniger am anderen Ende von Brasilien, am Meer, voller Wolkenkratzer und mit einem kleinen, schicken, historischen Zentrum. Die 40 Stunden Fahrt mit dem Omnibus teilte ich mit einem Haufen partywuetiger Soziologiestudenten der UnB, die neben Unmengen von Cachaca auch mehrere Trommeln mit an Bord genommen hatten. Eine davon war so gross, dass sich darin bequem 3 Leute verstecken konnten (und das ist keine Uebertreibung!).
Wir fuhren also 40 Stunden laermend und trinkend durch das Land - ich schaute dem Treiben mehr oder weniger verwundert zu. Ansonsten bin ich diesem Haufen sehr dankbar, denn die Zeit verging wirklich wie im Flug... Als ich nach der ersten Nacht im Bus aufwachte, war die erste Frage meines Nebenmannes "wo ist denn der Cachaca?", waehrend derjenige zu meiner Linken begann ohne Punkt und Komma zu reden und die Landschaft fuer mich zu kommentieren, die allerdings wirklich schoen war. Ansonsten hab ich viel gelernt: uebers "movimento negro", die Bildung vom portugiesischem Futur der Schriftsprache, Geburtstagslieder auf Portugiesisch und einiges mehr. Weiterhin konnte endlich einmal der fuer mich unverstaendliche Wissensdurst der Brasilianer ueber besetzte Haeuser gestillt werden...
Nebenbei war die ganze Bande sehr bemueht, mir ihr Land naeher zu bringen: so habe ich Krebse gegessen (und die Schale selbst zerhackt - eine Heidenarbeit), kenne Blumen, die bei einer Beruehrung die Blaetter falten, kann Kokosnuesse ohne Loeffel auskratzen, weiss wie man billig durchs Land kommt (und das wird mir im August, wenn ich mit dem Cotti reisen werde sehr viel nutzen), bin ein bisschen besser im Forró, kenne etwas mehr Musik und Filme und habe zwei Tage an einem fantastischem Strand gezeltet. Mein Portugiesisch allerdings sprudelt zwar mittlerweile, ist aber auch von soviel Slang durchsetzt, dass ich es an der Uni nur bedingt anwenden kann... Dass ich nicht an jeden Satz ein "Alter" haenge, habe ich wohl nur meiner guten Erziehung zu verdanken. Ja, liebe Eltern, Erfolg auf der ganzen Linie!
Tja, und fuer den Kongress der Soziologen, der ja der eigentliche Anlass dieser Reise war, reichten meine Sprachkenntnisse nur bedingt, was aber vor allem daran lag, dass ich ungluecklicherweise immer in Vortraegen von Spaniern landete. Trotzdem, ich ging weiter tapfer zu Debatten, Vortraegen, Diskussionen und habe auch viel Interessantes gehoert. Einen Vortrag zum Beispiel von einem deutschen Professor ueber Dominanzverhaeltnisse, der mir hinterher noch kurz ein paar Tipps fuer die Fuehrung von Gruppendiskussionen in Brasilien als Nichtbrasilianerin gab und dessen Vortrag ich wegen seines deutschen Akzents fantastisch verstand...
An zwei Nachmittagen klemmte ich mir allerdings auch die Wissenschaft um mir Olinda (eine kleine Stadt in der Naehe von Recife) anzusehen und das alte Zentrum Recifes zu besuchen...


Alles in allem ein fantastischer Ausflug aus dem Unileben, das mittlerweile abwechslungsreich-interessant geworden ist. Neben der Arbeit im vom Wivian geleiteten Forschungsprojekt, in dem ich Leute fuer die Diskussionen suche, teilweise bei den Diskussionen dabei bin, dem Material von Wivians Mitarbeitern hinterherlaufe und viel Kleinkram mache, helfe ich momentan auch bei einem Projekt, dass Erhebungen in der Peripherie Brasílias durchfuehrt - echt interessant, denn Brasília ist einfach eine ganz andere Welt...

Zum Schluss noch: Nik (die an der Uni Halle arbeitet und ein Jahr in Brasilia bleiben wird) ist angekommen und ich habe gestern schon ein bischen mit ihr die Stadt durchstreift. Wir haben auf dem Dach eines Shoppingcenters einen Caipirinha getrunken und ich habe es wirklich genossen, endlich mal wieder mit jemandem von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, der mich schon etwas laenger kennt. Und das auch noch in der einzigen Sprache, die ich wirklich kann... Seja Bem-vindo, Nik, que bom, que voce está aqui!!





Ganz zum Schluss: Der Portier von meinem Haus hat mich gefragt, ob ich nicht deutsche Vorfahren habe. Konnte ich nicht nur bestaetigen...

Niklas: Parabéns, wenn ich wiederkomme studierst du Kamera! Freu mich sehr fuer dich! ein Kuss vom Schwesterherz! Bin furchtbar stolz auf mein Bruderherz!


Grosseltern: Wie gehts euch denn eigentlich? Lange nichts gehoert...
die WG im Allgemeinen: die EVH ist mein Held. Schicke gleich meine Kontodaten. Wie laeufts in Halle?
Snorre im Speziellen: ich hoerte du hast deinen LKW-Fuehrerschein nutzen duerfen?
Silke im Speziellen: London - mach Photos und bringe ganz viel Kram mit! Ich schreib dir bald!
und an die beiden Geburtstagkinder alles Gute!
Irene: ein Kuss fuer dich und heut Nacht kriegst du ne Mail!

alle anderen: Ich denke an Euch und freu mich schon ein bischen auf den Oktober!

amazonia






…eure dann doch schon wieder recht zahlreich erscheinenden Mails, in denen ihr euch nach meinem Befinden erkundigt, lassen darauf schliessen, dass mein letzter Blogeintrag mal wieder eine ganze Weile her sein muss – also werde ich wohl mal wieder eure Neugier befriedigen und euch mit Neuigkeiten aus meinem Alltag aus der Planstadt langweilen, denn diesmal kann ich leider nicht mit Highlights wie Kurztrips nach Ouro Preto aufwarten… Was eigentlich sehr schade ist, denn ich habe gerade mal wieder vier mehr oder weniger freie Tage, weil auch in Brasilien der 1. Mai als Feiertag begangen wird – was mich eigentlich verwundert…

Was die Leute hier immer noch verwundert ist, dass man sich in Deutschland zur Begruessung lediglich die Hand gibt. Schoen ist auch der eigentlich immer darauf folgende unglaeubige Ausruf: „auch wenn man sich zum ersten Mal sieht?“ – ja ihr Lieben, vor allem dann! Ich allerdings verteile mittlerweile mit einer gewissen Souveraenitaet einen bis vier Kuesse an jeden, der mir ueber den Weg laeuft. Und Portugiesisch spreche ich mittlerweile auch nicht mehr wie ein tropfender Wasserhahn, sondern schon mehr wie ein Rinnsal - und bis zum Wasserfall ist es auch nicht mehr weit. Muss ja auch mal langsam - damits noch schneller geht, habe ich letzte Woche mein Woerterbuch verloren...

liebe Leute, ihr solltet bald eine Kollekte in meinem Namen veranstalten, zumindest, wenn ihr mich jemals wieder in eure Arme schliessen wollt (und dafuer nicht nach Brasilien fliegen moechtet), denn in der letzten Woche erhielt ich eine E-mail von der Fluggesellschaft, bei der ich mein Rueckflugticket kaufte: sie hat pleite gemacht und saemliche Fluege gecanceled. Ich rechne eigentlich fest damit nie wieder nach Deutschland zurueckzukehren, denn mein Rueckfluggeld hat erst einmal diese wundervolle, mittlerweile nicht mehr existente Rueckfluggesellschaft. Und ich dachte immer Iberia waere unzuverlaessig… Nachdem ich diese schlechte Nachricht erhielt, lief ich relativ missgelaunt ueber den Campus und traf dort einen Freund von mir, vor dem ich erst einmal in typisch deutscher Manier anfing ueber die Schlechtigkeit der Welt und die boesen Flugzeugtypen zu zetern. Der wurde immer ruhiger und meinte dann, ich sollte nicht so furchtbar ueber sein Land schimpfen. Ich musste erst einmal ganz laut lachen, denn natuerlich war ich gerade dabei ueber mein Land und meine deutsche Fluggesellschaft zu schimpfen. Seitdem arbeite ich noch verbissener an meiner brasilianischen Seelenruhe, die fuers Schlange stehen allerdings schon sehr gut ausreicht…

Am Wochenende war ich mit meiner Mitbewohnerin Dirce auf einem fest der Gaúches, das sind die Leute, die im Sueden Brasiliens leben. Dort versammelten sich bestimmt 200 Leute in traditionellen und bestimmt furchtbar unpraktischen und warmen Gewaendern um gemeinsam ihre Herkunft zu feiern. Auch Dirce trug ihre Traditionskleidung. Untermalt wurde das Ganze von Gesang, Tanz und sehr salzigem Essen. Und nicht, dass die Besucher dieser Veranstaltung alle kurz vorm Tod durch Altersschwaeche gewesen waeren – weit gefehlt: Es waren durchaus auch einige juengere Semester dabei. Einer der juengeren Gaúches haette mich am liebsten direkt in den Sueden Brasiliens entfuehrt und sich daraufhin Zeit seines Lebens an meinen blauen Augen und unseren blonden Kindern erfreut. War fuer mich alles sehr interessant und ein ziemlich lustiger Abend…

Tagsueber bin ich meist an der Uni unterwegs und arbeite an der Analyse meiner Gruppendiskussionen, was ziemlich viel Spass macht. Allerdings faellt mir gerade bei dieser Arbeit besonders meine Fremdheit in diesem Land auf, denn mir fehlt hier einfach die kleinste Information: ich weiss nicht genau, wie das Schulsystem funktioniert, kenne die Namen von Regionen oder Indiostaemmen nicht und muss deshalb immer noch ganz viel nebenbei mitlesen und nachschlagen. Wie auch immer: Seelenruhe...

Restkram:

allerbeste Gruesse an all diejenigen, die heute vorhaben meine Heimatstadt zu zerlegen...

Geburtstagslieder fuer Silke, die heute ganz besonders viel zu feiern hat!

Beste Wuensche fuer Niklas, dem am 10. Mai die grosse Zukunft bluehen kann!

Die Frage an Rene, ob das Wochenende schoen war...

Ein Grinsen fuer den Architekturmartin aus Berlin-Lichtenrade!

Ein Hoch auf die brasilianische Post, die wahrscheinlich mein Osterpaket verschlampt hat!

Ein weiteres Hoch auf die deutsche Post, die viel zu teuer ist, als dass noch weitere Pakete an mich auf die Reise gehen werden.

Die Frage an den Karlshorstmartin, wies ihm denn so geht?

Die Frage an Sabine, ob sie schon den Betriebsausflug nach Leipzig durchlebt und durchlitten hat?

...und noch viele weitere Fragen und Hochs und Grinsen an alle anderen!

ps: kurze Erklaerung zum Telenovelatitel: Amazonia spielt im Amazonasgebiet und zwar vor hundert Jahren. Ansonsten passiert das selbe wie bei Paraíso Tropical.

BigiBrotheri und andere Feinheiten der portugiesischen Sprache...

...schon beim zweiten Eintrag gibt es eine kurze Telenovelatitelpause um euch aus aktuellem Anlass einige Eigenheiten der portugiesischen Sprache einzufluestern und interessante News zu uebermitteln. erstens - ja, auch hier gibt es Big-Brother! hier spricht man allerdings alle englischen Worte mit einem lustigen i am Ende aus, so dass man hier eben bigIbrother schaut, ins Kino geht um kingIkongI anzuschauen, bei mcIdonaldI isst, hipIhopI (besonders angenehm fuers Ohr) hoert oder seinen pitIbull ausfuehrt. Bei bigIbrotherbrasil hat uebrigens ein blonder Mann gewonnen, der von allen nur "o alemão" (wer erraet, was das heisst?) genannt wird.
was mir momentan am wichtigsten erscheint, ist, neben Beobachtungen zu diesem und jenem, der Bericht zu meinem grandiosen Kurztrip nach Ouro Preto, der mich allerdings leider dazu gebracht hat bereits ab dem 10. des Monats am Hungertuch zu nagen. Das wars aber Wert...
Meine Reisebegleitung war ein schon im letzten Eintrag erwaehnter Italiener, der sich auch als recht gute Wahl herausstellte - zumindest war er lernbereit. Nachdem er zwei Tage lang immer wieder erzaehlte, dass ich die Frau waere und darum alles entscheiden koennte (wohin wir gehen, dieses Museum, jene Kirche, was wir essen, welches Hotel etc.), kapierte er, dass das nicht ganz meine Art und Weise ist mit Menschen umzugehen und vermeldete am Sonntag zu meinem Erstaunen er haette jetzt Hunger und wuerde gerne essen. Ich war sowas von gluecklich von meinem Prinzessinentrohn heruntersteigen zu duerfen...
Ansonsten war die Zeit mit ihm sehr lustig und Ouro Preto im Distrikt Minas Gerais genau die richtige Wahl fuer die Osterzeit - trotz 12 Stunden Busfahrt...
Die Stadt ist erst einmal total niedlich und erstreckt sich mit kleinen Haeuschen, steinigen Strassen, kleinen Gaesschen ueber einige Huegel. Ein schoener Gegensatz zu Brasília, in das ich am liebsten nicht mehr zurueck gekehrt waere... Sowohl Ouro Preto als auch Mariana, ein Staedtchen 20 Minuten Busfahrt entfernt, welches wir auch besuchten, waren einmal Hauptstaedte des Distrikts Minas, bevor das ca. 20 km entfernte Belo Horizonte zum Dreh- und Angelpunkt der Gegend wurde. In Minas wurden Jahrhunderte lang Mineralien und Edelsteine abgebaut, an jeder Ecke gibt es kleine Minen und Bergbaumuseen. Eines besuchten wir und ich sah 40 verschiedene Goldsorten und zum ersten Mal in meinem Leben einen echten Diamanten. Am Karfreitag betrachteten wir eine Messe auf einem Kirchenvorpaltz, bei der vermutlich saemtliche Bewohner Ouro Pretos als Figuren des alten Testaqments auftraten und im Anschluss daran in einer grossen, langsamen Prozession durch die Stadt zogen. Am Ostersamstag verteilen die Ouro Pretoianer dann buntes Saegemehl auf den Strassen, wobei ein 4km langer Teppich aus Saegemehlbildern entsteht. Ich hatte das Glueck einem Kuenstler der Stadt (Spitzname Turco - der Tuerke) beim gestalten eines Franz von Assisi mit Gasmaske (GEGEN DIE UMWELTVERSCHMUTZUNG! - die Strasse, in der wir gelandet waren, stellte sich als Strasse mit Studentenwohnheimen heraus. Die Studenten jubelten ihren Strassenbildern gerne eine gewisse politische Bedeutung unter - im Gegensatz zum Rest der Stadt, die sich eher auf Friedenstauben und Jesuskinder verlegte) helfen zu duerfen und war spaeter sehr stolz auf mein Werk! Turco studierte Kunst in Ouro Preto, dass auch eine Studentenstadt ist und haelt sich momentan mit dem Verkauf von kitschigen Stadtansichten an Touristen ueber Wasser. Bei der Arbeit am Franz trafen wir auch dann auch noch auf einige Pharmaziestudenten (auch die hatten wundervolle Spitznemen: zum Beispiel "quatro Paos"= vier Brote oder "devagar"= slowmotion) , die in einer Républica (ich wuerd ja eher sagen Burschenschaft) nebenan wohnten, mit denen wir bis zur madrugada (Morgendaemmerung) Bier und Caipirinha tranken...
Am naechsten Tag begann morgens um 9 eine Prozession ueber die Saegemehlgebilde, die wir allerdings verschliefen... Als wir gegen 11 in die Stadt eilten, war die Strassenreinigung schon damit beschaeftigt, den ganzen Zauber, ueber den die Prozession hinweg gegangen war, wieder wegzufegen... -wir hatten ja Gottseidank schon nachts alles gesehen. Trotzdem hielt auch der Sonntag noch ein Erlebnis fuer uns bereit: der Pastor verteilte kiloweise Bonbons an seine Schaefchen, vor allem an die Kinder. Dieser Bonbonregen wurde musikalisch untermalt von einer Blaskapelle mit zerbeulten Kochtoepfen auf dem Topf und Toilettenpapier am Guertel. Was das sollte, konnte ich leider nicht herausbekommen, dafuer reichen momentan weder meine Portugiesischkenntnisse, noch meine Unverfrorenheit - trotzdem war das Bonbonfangen ein Fest fuer mich....

weitere Eigenheiten der portugiesischen Sprache:
régime=Diaet
torpedo=SMS
acadêmia=Fitnessstudio :-)

Niklas: dein Engel steht an meinem Bett und guckt auch ein bisschen auf deine Pruefung. Kopf hoch! Wird schon. Liebe Gruesse auch an Christine!
Grosseltern: nicht dass ihr vom vielen Telenovelaschauen noch viereckige Augen bekommt!
Lisa: Bin Bus gefahren, hab Musik gehoert, aus dem Fenster geschaut... Weisst schon...
Irene: Wieder in Halle? Wuensch dir Sommerspass nach der grossen Schneeballschlacht!
Micki: Da seid ihr am Ostersonntag aufgestanden bevor ich im Bett war... Uiuiui!
Sophie: Glueckwunsch zur fertigen Doktorarbeit. Kann gar nicht glauben, dass du bald mit Fug und Recht Zahnaerztin bist...

an alle: vielen Dank fuer die vielen Mails zu meiner neuen Sonnenbrille... Der schoenste Kommentar kam von Roland, der sie als "Reichrussenbegleitfraubrille" bezeichnete. MAcht euch keine Sorgen, die Brille ist jetzt schon kaputt...

paraíso tropical


...ich habe beschlossen meine Eintraege von nun an nach den hier so reichlich vorhandenen Telenovelas zu benennen. Wahrscheinlich werde ich damit ziemlich lange ueber die Runden kommen, denn davon gibt es hier so unglaublich viele, dass wahrscheinlich niemand einen wirklichen Ueberblick hat. Zudem sehen die Schauspieler dieser Serien alle gleich aus und sie kommen alle nacheinander oder sogar zur selben Zeit auf unterschiedlichen Kanaelen. Ich habe keinen Durchblick... In Paraíso Tropical geht es, so weit ich das verstehen kann, um schoene reiche Menschen mit vielen Problemen. Alle betruegen sich gegenseitig, werden schwanger, koennen sich nicht leiden - das uebliche halt...

Die Studenten der UnB befinden sich momentan in heller Aufregung, denn vor einer Woche wurden im Studentenwohnheim die Zimmer der afrikanischen Austauschstudenten angezuendet. Seitdem branden an allen Ecken und Enden, in jedem Seminar und in der Mensa, Diskussionen ueber Rassismus auf, den es ja angeblich in Brasilien, das sich auf die Fahne schreibt ein glueckliches Voelkergemisch friedlich zu beherbergen, nicht gibt. Naja, gibt es wohl doch, was hier viele Kleinigkeiten zeigen. Heute gab es eine grosse Versammlung auf der sogar der Rektor der Uni zugegen war und seinen Schaerflein zur Diskussion beitrug...
Neben meinem interessierten zuhoeren bei Rassismusdebatten, die leider ziemlich schnell in die Forderung nach einem huebscheren Studentenwohnheim umschlugen, hatte ich heute auch ein Arbeitstreffen mit Wivian, meiner Professorin. Meine Hauptaufgaben sind nun ziemlich klar: bis zum Ende meines Aufenthaltes soll ich eine deutsche Gruppendiskussion und eine brasiliansche miteinander vergleichen und einen Artikel darueber schreiben. Ausserdem werde ich fuer eine quantitative Teilstudie in einigen Schulen in der Peripherie von Brasilia Frageboegen ausfuellen und bei einigen Gruppendiskussion, die hier gefuehrt werden, dabei sein. Ob mein Portugiesisch ausreicht um wirklich eine Diskussion mitzuleiten, bezweifele ich zwar, aber wir werden sehen. Freu mich auf jeden Fall drauf und bin ziemlich gespannt, wie es so werden wird.... Ende Maerz findet in Recife (ziemlich im Norden und ziemlich am Meer) eine Tagung statt, an der ich, wenn mein Geld reicht, teilnehmen werde. Juhuu!
Ansonsten habe ich beschlossen auch die Osterfeiertage fuer eine kleine Reise zu nutzen... Gegenueber unserer Wohnung befindet sich eine grosse, gruene Wiese mit Strichen, die ich anfangs fuer einen Sportplatz gehalten habe, wurde aber an meinem ersten Sonntag hier eines besseren belehrt, denn die Wiese ist ein Parkplatz und die Baracken daneben sind eine Kirche. Das bedeutet Gottesdienst mindestens drei mal die Woche und da die Leute hier sehr musikalisch sind, wird andauernd gesungen. Ostern ist ja an sich eine sehr gottesdienstintensive Zeit, deshalb kommt mir die kleine Flucht nach Ouro Preto (alte Kolonialstadt im Sueden von Brasília) ganz gelegen. Meine Reisebegleitung wird ein Italiener aus meinem Portugiesischkurs sein, der hier in Brasília Architektur studiert. Mal schauen, wie wir uns verstehen werden...
Am Samstag war ich auf meinem ersten Forró. Forró ist ein brasilianischer Tanz (so aehnlich wie Samba) und Feste, bei denen Forró getanzt wird, heissen eben auch Forró... Es war fuer mich sehr spannend 2000 junge Leute zu sehen, die gemeinsam engtanzten... Wundervoll... Ich beherrsche diesen wundersamen Tanz leider nicht und kann nur die ersten drei Basisschrittchen. Da man hier als Lorinha (Blondine) aber relativ hoch im Kurs steht, konnte ich mich ueber Tanzpartner nicht beklagen.... Leider wurde, waehrend wir ganz entspannt auf dem Forró waren, unser Auto aufgebrochen. Da man hier nix im Auto laesst, konnte man uns auch so gut wie gar nichts klauen - alles was weg ist, sind unsere Pullover. Ich hab zwar nicht unbedingt Unmengen von Klamotten hier, aber auf den Pullover kann ich ganz gut verzichten.

endlich da!!!

nun bin ich also nicht nur in Brasilien angekommen, sondern endlich auch wirklich da - und zwar in Brasilia, der Stadt, in der ich das naechste halbe Jahr verbringen werde. ---und mir gehts gut!
Am Abend in Sao Paulo verbrachte ich noch eine reizende Nacht mit Gil, dem Paulista. Wir besuchten einen Club, der frueher ein VIP-Club war, mittlerweile aber nicht mehr sooo legal (=cool) ist. Mich wollte man anfangs gar nicht hereinlassen, denn im Gegensatz zu allen anderen trug ich ein Kleidungsstueck, was mehr als 30% meines Koerpers bedeckte. Naja... Endlich drinnen versuchte ich mich an meinem ersten Caipirinha und, holla, der zog mir sowas von die Schuhe aus... Ich habe ihn nur gaaan langsam getrunken und war damit Zielscheibe einigen Spotts, denn die Brasilianer schluerften das Zeug wie nichts...

Am folgenden Tag erreichte ich dann endlich Brasilia, wo ich die ersten zwei Tage bei meiner Professorin Wivian wohnte. Am Samstag zog ich dann in meine Wohnung um, die ich mit Dirce, einer Studentin von Wivian teile. Dirce ist 37 JAhre alt und studiert neben ihrer Arbeit im Frauenministerium, da sie sie mit einem Uniabschluss bessere Karrierechancen hat. Mit Dirce war ich am Samstag auf dem GEburtstag des Bildungsministers, von dem das Geruecht umgeht, dass er sehr schoen waere. Das kann ich jetzt nicht aus vollem Herzen bestaetigen, die Freundinnen von Dirce waren aber sehr beeindruckt. Ich habe selten mehr Abendkleider gesehen als an diesem Abend und fand mich in meinen Schlabberjeans ein wenig underdressed... War aber nicht so schlimm.
Die Wohnung von Dirce ist der Hammer, ziemlich gross und mit zwei Balkonen. Ich habe ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad und mir mittlerweile auch gemerkt, dass man das Toilettenpapier nicht herunterspuelen darf.
Brasilia erscheint mir wie ein Parkhaus, bei dem man sich genau merken muss, in welcher Buchte man sein Auto abgestellt hat. Die Stadt sieht aus der Vogelperspektive aus wie ein Flugzeug und heisst im Volksmund Plano Piloto. Waehrend sich im Rumpf die Verwaltungsgebaeude und Ministerien befinden, sind die Fluegel der Ort der Wohnbloecke. Ich wohne im Nordosten des Nordfluegels und habe daher die wundersame Adresse Suberquadra Norte 215, Bloco K, Apartamento 301. Alles ist total logisch aufgebaut und nach wenigen Tagen brauchte nicht mal ich, deren Orientierungssinn gegen Null tendiert, einen Stadtplan.

Gestern war ich den halben Tag damit beschaeftigt mir eine Carteirinha, einen Studentenausweis, zu besorgen. Unterstuetzt wurde ich dabei von Proscille, die auch bei Wivian studiert und waere ohne ihre Hilfe wahrscheinlich jetzt noch damit beschaeftigt von Pontius zu Pilatus zu laufen. Mittlerweile bin ich aber im BEsitz eines weissen Papierfetzten, der mich als Studentin der Uni Brasilia ausweist. Heute morgen musste ich noch ein Foto machen lassen, von dem ich sicher bin, dass es total bescheuert aussieht. Trotzdem ist jetzt alles geregelt. Drei mal in der Woche mache ich einen Portugiesischkurs, zwei mal ethnographiere ich in einer Schule und am Freitag nachmittag nehme ich an einer Forschungswerkstatt (fuer alle Nicht-Erziehungswissenschaftler: Austausch ueber Forschungserfahrungen in den laufenden Projekten) teil.

Gestern war ich auch mit Dirce im Nationaltheater um ein Konzert der Oslo Camerata (Kammerorchester) zu hoeren, die umsonst gespielt haben. War sehr beeindruckt. Cellokonzert in Dó Maior (welche Tonart auch immer das ist) von Haydn und anderes. Bernard, du waerst begeistert gewesen!

Das, was mich hier bis jetzt fast am meisten beeindruckt ist die Hingabe, mit der die Brasilianer Schlange stehen. Wo auch immer man auf eine Fila (Schlange) stoesst, stehen freundliche Menschen stundenlang und voellig ergeben an, waehrend ich bereits nach dreieinhalb Minuten einen Anfall von Wahnsinn bekomme. Stand heute eine Stunde an der Mensa an und bin fast Amok gelaufen. Ueberhaupt: Essen/Vegetarismus in Brasilien. War am Sonntag mit Dirce bei einem Churrasco (Grillparty, nennt das mein Woerterbuch) und es gab ganz viel blutiges Fleisch. In der Mensa gibt es einen Extraraum fuer Vegetarier, in denen nur diese essen koennen. Man kann auch nicht mit seinem Vegetarierteller in den grossen Saal gehen. Das hat Vor- und Nachteile. Einmal ist zwar die Schlange am Vegetarierraum viel kuerzer als am Normalraum, andererseits essen aber fast alle anderen im Saal, so dass ich heute ganz alleine essen musste :(. Allerdings hat sich bald ein Sportstudent, der ca. 1,50m gross war, meiner angenommen...

Also, mir gehts gut, ich hoffe euch auch und geniesst den beginnenden Sommer in Deutschland!

hier noch das persoenliche an Massenmails...

Niklas: vai dar certa... (alles wird gut!)
Mama: Liebe Gruesse!
Grosseltern: Kommentare sind was feines!
Aline: hier heissen ganz viele Leute so wie du! Und ich hab ein norwegisches Orchester gesehen
Silke: vermiss euch auch ein bisschen und komme am 07.10. wieder! Gruesse an alle Flodders!
Afonso: sorry for not writing again, i will as soon as i find time and reliable internetacess here! So far, i am good, but my portugese sucks!
BueroWG: Schoen, dass ihr meinen Wegflug gebuehrend gefeiert habt :) Wuensch euch trotz Sommerwetter ausreichend Arbeitselan, aber den habt ihr ja eigentlich immer!

angekommen...




...wer haette gedacht, dass ich nach so kurzer Zeit schon ins Internet kommen wuerde... Nach nur 24 Stunden unterwegs gibts natuerlich noch nicht uebermaessig viel zu erzaehlen - ausser natuerlich, dass ich endlich in Brasilien angekommen bin - und das sogar ohne grossartige Verspaetung, obwohl die Fluglinie meiner Wahl mal wieder Iberia war... In Madrid standen wir ueber eine Stunde auf dem Rollfeld herum, weil das Flugzeug vereist war und erst einmal nachts um 2 von fleissigen Menschen mit einem Wasserschlauch abgespritzt werden musste. Als wir dann endlich flogen gab es morgens um 4 paella...

In Sao Paulo angekommen traf ich Gil, einen Freund meiner Freundin Kerstin, der mich in seine Wohnung brachte. Das Besondere an dieser Fahrt war, dass heute, am Mittwoch, alle Autos mit der Nummer 5 oder 6 auf dem Nummernschild nicht fahren duerfen um dem Smog entgegen zu wirken. Gil war bestaendig auf der Hut vor Polizisten, denn sein Nummernschild traegt eine 5. Wir kamen trotzdem ohne Polizeikontakt in seiner fantastisch eingerichteten Wohnung an, wo ich bis morgen frueh Quartier beziehe.


Mein Portugiesisch ist absolut rudimentaer und wenn ich nicht alle naselang zum langsam Sprechen auffordern wuerde, wuerde ich gar nichts verstehen. Gluecklicherweise spricht Gil neben rasend schnellem Portugiesisch auch Franzoesisch, Englisch und Deutsch. Wie das in Brasilia allerdings werden soll ,weiss ich noch nicht so richtig...

Anita: Schade, dass wir uns nicht noch gesehen haben, aber das klappt dann hoffentlich im Oktober...

Aline: es war zu viel zu tun um noch einmal anzurufen, sorry! Vielleicht klappt das ja dann in Brasilia!

Snorre: Das Photo von mir mit Sao Paulo im Ruecken ist nur fuer dich!

Sophie und Basti: Danke fuer das Buch, ich bin sogar erst auf der Haelfte - konnte naemlich wider Erwarten im Flugzeuf schlafen!
Uhri: zu essen gabs bis jetzt nur oben erwaehnte Flugzeugpaella und Toast mit Ketchup. Werd jetzt aber was fangen gehen... und ausserdem: kann gar nicht aus den Augen, hab naemlich in weiser Voraussicht ein Photo mitgenommen...

Kerstin: Danke, Danke, Danke fuer die Kontaktvermittlung!

...an alle anderen ganz liebe Gruesse!